Ein Bericht besonderer Art -garantiert kein Seemannsgarn 

- Diamantbohren unter Wasser -

Der nachfolgende Bericht von der Fa. Draeger & Co. über eine Baustellenvorbereitung und deren Verlauf in anschaulicher Schilderung: 

Vorbereitungen auf dem BetriebshofVon der ARGE Kompaktwerft 2000 in Wismar erhielten wir einen interessanten Auftrag. Es sollten 12 Bohrungen mit einem Durchmesser von 650 mm und eine ca. 1,30 bis 1,60 m dicke Hellingplatte aus Stahlbeton, auf der an Land gebaute Schiffe in das Wasser rutschten, in Winkeln von 13 bis 27 Grad gebohrt werden. Dieses in Wassertiefen zwischen 2,50 und 5,0 m. Durch die Winkeleinstellung ergaben sich tatsächliche Bohrtiefen von über 2,0m. 

Unter das vorhandene Großbohrgerät mußte nun in unserer Werkstatt eine stufenlos verstellbare Winkeleinstellung gebaut werden. Die Winkelverstellung bestand aus zwei Stahlrahmen, die stramm ineinander paßten. Auf der einen Seite wurden massive Scharniere angeschweißt. 

Auf der gegenüberliegenden Seite des Rahmens wurden zwei Cedima-Bohrsäulen des Typs BS 200 zur stufenlosen Winkelverstellung so eingebaut. daß diese Bohrsäulen nach den Arbeiten auch wieder als Bohrsäulen verwendet werden konnten. Mit dieser mechanischen Winkeleinstellkonstruktion konnten Winkel zwischen 5° und 40° stufenlos eingestellt werden. Die Bohrkronen, Durchmesser 650 mm und 2200 mm Länge. wurden von der Fa. Cedima in Celle hergestellt. 

Der Schwimmponton und unser 30 PS starkes Arbeits- und ÜbersetzbootAuf der Werft eingetroffen, wurden unter Mithilfe der Werftkrane alle erforderlichen Maschinen und Geräte auf einen ca. 10 x 5 m großen hwimmponton verladen. Alle Teile wurden auf dem Ponton für den Transport zu den Bohrstellen mit Tauen und fachmännischen Seemannsknoten gesichert. Für die Taucharbeiten wurde die Firma Osteetaucher unter der fach- kundigen Leitung von Herrn Günter Dreiuker als Nachunternehmer beauftragt. Mit dem Taucherschiff "Mecklenburg" sollte nun der Ponton verfahren werden. 

Aufkommender Nordwest-Sturm mit Windstärken über 6 Beauford, das ist eine Meßeinheit für Windgeschwindigkeit, benannt nach dem Begründer, machte uns jedoch am ersten Tag gleich einen Strich durch die Rechnung, bzw. durch die Arbeiten. Dieser Tag wurde mit Werft-, und Baustellenbesichtigung verbracht. 
Die Meeres-Technik-Werft Wismar wurde in den fünfziger Jahren gebaut, mit insgesamt vier Ablaufbahnen oder fachmännisch gesagt mit Hellingplatten. 

Auf dieser Werft wurden für die UdSSR, DDR, China und andere Staaten alle Schiffstypen und Größen gebaut. Hier soll nun ein neues Trockendock entstehen. Die Dimensionen sind gewaltig. 

Das Dock wird eine Länge von 345 m und eine Breite von 67 m haben. Für diese Maßnahme werden zur Zeit 370000 cbm oder 590000 Tonnen Boden bewegt. Dieses Trockendock wird mit einer Halle von sage und schreibe 400 m Länge. 140 m Breite und einer Höhe von 70 Metern überbaut. Die Gesamtbauzeit für das Trockendock soll zwei Jahre dauern. 

Ursprünglich sollte dieses Dock an anderer Stelle gebaut werden, doch die EU-Kommision hatte hier Einwände. Es mußten drei der vier vorhandenen Ablaufbahnen konventionell abgebrochen werden, so daß für die parallel laufenden Schiffsneubauten nur eine Ablaufbahn zur Verfügung stand. 

Zur Zeit wird eine Serie von 5 bis 6 Containerschiffen gleichen Typs mit einer Länge von 160 m gebaut. Es werden 4500 Tonnen Stahl verbaut. Die Bauzeit eines Schiffes auf der Helling betrug zunächst 35 Tage. Inzwischen werden nur noch 28 Tage für den gleichen Typ benötigt. 

Auf unserer weiteren Besichtigungstour über die Werft und durch die Werkhalle sahen wir auch, wie z. B. 5-cm-Stahl platten mit meterdicken Hydraulikstempeln in die gewünschte Form gepreßt wurden. Unter der Kraft dieser Pressen wird Stahl zu Papier. 

Trotz Arbeitsausfall, den man bei Unterwasserarbeiten immer einkalkulieren sollte, ein schöner Tag, auch mit Anregungen für unseren Job. 

Am Abend ließ der Sturm nach, so daß abzusehen war, daß wir am nächsten Morgen nun endlich beginnen konnten. 

Die Bohrsäule wird von den Tauchern auf die nächste Bohrposition verfahrenPünktlich zum Arbeitsbeginn traf die "Mecklenburg" an dem Schwimmponton ein. Leinen wurden übergeben und vertäut. Langsam setzte sich der Konvoi in Richtung Wismar-Bucht in Bewegung. Entlang an den Ausrüstungskais bis hin zu unseren Bohrstellen. 
 

Die Taucher setzten nun das Bohrgerät auf die bereits eingebrachten Befestigungspunkte. Nach dem Verankern wurde durch Drehen an den Spindeln der Bohrsäulen BS 200 der Winkel verstellt. Durch den hydraulischen Vorschub, der von dem Schwimmponton aus bedient wurde, war den Tauchern während der Bohrzeit ein Beobachterstatus zugewiesen worden.

Dort angekommen wurde der Ponton an zuvor ausgelegten Bojen festgemacht. Auf dem Ponton wurde ein 1,5 t-Portalkran der Fa. Burckard an einer Stirnseite aufgebaut und gegen Umstürzen gesichert. An einem Kettenzug wurde das Bohrgerät ins Wasser hinabgelassen. Anschließend wurde der Portalkran ab, dann unter Wasser, direkt auf der Betonplatte von den Tauchern wieder aufgebaut. 

Nach dem Niederbringen der ersten Kernbohrung, die recht zügig verlief, wurde mit Hilfe des Portalkrans die Bohranlage unter Wasser zum nächsten Bohrpunkt verfahren, auf den Befestigungspunkten befestigt und verschraubt. Die zweite Bohrung wurde angefahren.

Der erste Kern wird geborgenWährend der Bohrzeit dieser Bohrung begannen die Taucher den Bohrkern der ersten Bohrung zu lösen. Auch für diese Aufgabe kam der Portalkran zum Einsatz. An einer sogenannten Augenschraube wurde der Kern mit einem Eigengewicht von 1,3 t angeschlagen. Den Ausbau dieses Bohrkerns erledigte ein Taucher alleine. Die Bohrkerne wurden zunächst auf dem Meeresboden abgelegt, um später mit einem Schwimmbagger geborgen zu werden. 

Während dieses Bohrauftrages wuchs auf der benachbarten Helling ein im Bau befindliches, Schiff schnell heran. Große, in der Halle vorgefertigte Sektionen wurden mit Werftkranen an die vorgesehenen Positionen gehievt. Erstaunlicherweise paßte alles zusammen. Flinke Schweißer hefteten die eingeschwenkten Teile sofort fest. Nach einem Monat wird das Schiff fertig sein und der Stapellauf wird vorbereitet. 

Für uns bedeutete das, alles besonders gut zu sichern, es wird eine entsprechend große Welle erwartet, es könnten Teile und Geräte von dem Ponton in das Wasser fallen. Es war dann auch bald soweit. Das Tauchschiff mußte seinen Anlegeplatz räumen, erhielt den Auftrag, zwei Ankerbojen in die richtige Position am Ende der Ablaufbahn auszusetzen, unmittelbar nach dem Stapellauf Holz, welches zum Unterfüttern diente, einzusammeln. Kurz vor dem Stapellauf wurde unser Maschinenführer mit unserem schnellen Arbeitsboot mit immerhin 30 PS und 30 Knoten schnell, vom Ponton auf eine hinter einer Spundwand liegenden Schwimmramme in Sicherheit gebracht. Vier große, eigens aus Hamburg, durch den Nord-Ostsee-Kanal angereiste Fairplay-Schlepper schwammen auf ihre Positionen. 

Genau zur vorgegebenen Zeit wurden zwei übergroße Preßluftstempel aktiviert, sie gaben dem Rumpf den nötigen Schwung. 4500 Tonnen Stahl setzten sich nun in Bewegung, rutschten auf Schmierseife in das Wasser, am Heck bildete sich eine große Welle, unser Ponton schwankte heftig in der Dünung, nimmt jedoch keinen Schaden. Vier Anker werden vom Bug des Neubaues ins Wasser geworfen. sie nehmen die Fahrt aus der Ocean-Trader, die vier Schlepper kommen so nah heran, daß armdicke Stahlseile übernommen werden konnten. Der Ozeanriese wird zum Ausrüstungskai geschleppt und festgemacht. 
 

Wir kontrollieren unsere Ausrüstung auf Schäden und brechen für diesen Tag die Arbeiten ab. Das Wasser ist aufgewühlt, die Sicht unter Wasser gleich Null. Die Taucher können nichts sehen, doch wir liegen gut im Termin, so daß wir diesen Tag verschmerzen können. 

Unsere Beute: Bohrkerne 600 mm, 2,10 m langDie Arbeiten auf der Bohrtrasse 1 sind für die Taucher äußerst gefährlich. Durch vorangegangene Baggerarbeiten ist die Hellingplatte in Teilbereichen zerstört. 28 mm Bewehrungseisen stehen lotrecht, wie Bajonette, im Wasser. Die Taucher müssen sehr aufpassen, um nicht an den Eisen hängen zu bleiben und nicht verletzt zu werden. 

Aufgrund des zerstörten Bereiches beschließt die Bauleitung die Bohrarbeiten auf die Trasse II zu verlegen. 

Nach neuen Vermessungsarbeiten unter Wasser konnten die letzten fünf Bohrungen in drei Tagen erledigt werden. Durch diesen erschwerten Einsatz konnten einmal mehr die vielseitigen Einsatzmöglichkeiten des Diamantbohrens unter Beweis gestellt werden. 

Jeannot Draeger